Magisches Vogtland im Sagengewand
Rechtzeitig zur zauberhaften Weihnachtszeit erstrahlen an den „Zeitfenstern“ der Fassade des ehemaligen Horten im Herzen Plauens märchenhafte Bildmotive.
Diesmal werden Sie entführt in die geheimnisvolle Welt der vogtländischen Sagen – ein Reich voller Nebelschleier, uralter Geschichten, Magie und Wunder.
In enger Zusammenarbeit des Landratsamts Vogtlandkreis mit der Museumspädagogik des Vogtlandmuseums Plauen entstand eine Präsentation, die die alten Erzählungen in neuem Glanz erweckt. Parallel dazu lässt das Vogtlandmuseum selbst die Sagenwelt liebevoll lebendig werden: Jörg Simmat, ein bekannter Plauener Schauspieler, verleiht den Geschichten bei einer märchenhaften Lesung Stimme und Seele.
Gehen Sie mit Jörg Simmat im Vogtlandmuseum auf eine sagenhafte Lesereise am:
am Sonntag, den 14.12.2025
14:00 Uhr, 15:00 Uhr sowie 16:00 Uhr
am Sonntag, den 21.12.2025
14:00 Uhr, 15:00 Uhr sowie 16:00 Uhr
Ein besonderes Erlebnis bieten die Sagen außerdem über einen QR-Code an den Motiven in den Schaukästen des Landratsamtes, denn auch hier können sie angehört und ganz unmittelbar erfahren werden.
Die ausdrucksstarken Motive und das atmosphärische Sound Design stammen aus der Feder von Daniel Kamerknecht.
(Weitere Informationen unter: www.bezirkskunde.de)
Möge die Sagenwelt des Vogtlands Ihr Herz verzaubern! Wir wünschen viel Freude beim Entdecken und Reinhören:
Die Sage von der Entstehung Schönecks
Die Sage vom Drachen in Reichenbach
Die Sage von den Holzweibchen in Oelsnitz
Die Moosmann-Sage vom „Schwarzen Stein“ in Grünbach
Die Sage von der Wattefrau in Zwota
Die Sage vom Lindwurm bei Syrau
Die Sage vom „Hohen Stein“ in Erlbach
Die Sage von den kleinen Nixen in Schneckenstein
Die Voigtsberger Laterne (Oelsnitz/Vogtl.)
Die Voigtsberger Laterne ist ein Licht, das in jedem Jahre in der Umgegend von Oelsnitz und Voigtsberg öfter gesehen wird.
Der verstorbene Hufschmied Maul in Lauterbach, ein furchtloser und sehr beherzter Mann, ging einmal an einem finstern Abend von Oelsnitz nach Hause. In der Nähe der Elsterbrücke traf er die Voigtsberger Laterne. Zu diesem Lichte sagte Maul: „Licht, führe mich nach Hause, ich gebe Dir einen Sechser!“ Das Licht begleitete ihn genau, sich immer etwas tiefer an der Straßenböschung haltend bis nach Hause. Dort angekommen legte er auf den Stock vor seinem Hause, worauf die Schmiede kaltes Eisen strecken, den versprochenen Sechser und ging in sein Haus. Dann zündete er eine Laterne an um herauszugehen und nach dem Sechser zu schauen; und siehe da, er war weggenommen.
Ein Zimmermann von Oelsnitz ging einmal des Nachts von Raasdorf nach Hause. Als er an die Raasdorfer Höhe kam, war die Voigtsberger Laterne da. Zu dieser sprach er „führe mich nach Hause, ich gebe Dir einen Dreier!“ Nun führte ihn das Licht bis zu seiner Wohnung. Als der Zimmermann in Begleitung der Laterne an seine Hausthüre gekommen war, sprach er: „ich gebe Dir keinen Dreier!“ Darauf gab ihm das Licht eine Ohrfeige und in Folge dessen ward er vier Wochen lang krank.
Quelle: Alfred Meiche, Sagenbuch des Königreich Sachsens, S. 260
Die Sage von der weißen Frau auf der Dobenau
Versunken und vergessen ist die Geschichte der Ritter, die einst auf der Dobenau gehaust haben. Zu Liebau am Elsterthale lebten einmal zwei Brüder, stolze, kräftige Herren, wie die heimathlichen Felsen. "Denen mochten die Fichtenwälder, die öden Felsen und die kargen Saatfelder nicht mehr behagt haben, denn sie waren ausgezogen nach ritterlichen Thaten und nach Abenteuern. Als sie wiederkamen, mit glänzenden Harnischen und auf weißen Rössl, ließen sie sich auf der Dobenau nieder und brachten eine stolzes, schönes Fräulein mit. Die Fremde hatte Vater und Mutter verlassen und war mit ihnen gezogen.
Sie liebte beide Brüder wagleich treu und leidenschaftlich und beide Brüder liebten sie mit gleicher Leidenschaft wieder. Da aber dieses Verhältnis auf die Dauer nicht bestehen konnte, so baten sie die Dame ihres Herzens wiederholt, sich für einen von ihnen zu entscheiden, der Andere werde dann ausziehen in die Ferne. Aber sie konnte sich nicht entscheiden. Da kam es endlich zwischen den Brüdern zu Eifersucht und Zwietracht, und eines Tages ritten sie von der Dobenau aus auf die Jagd und kamen nicht wieder. Ausgehende Boten brachten die Kunde, dass beide weit oben im Walde Tod lägen, anscheinend von den gegenseitigen Waffen im Zweikampfe gefallen. Die Fremde wurde noch bleicher als sie war, sie wusste es wohl, dass sie zwei Herzen gebrochen. Sie bestieg ihr Roß und ritt hinaus in den Wald, bis sie die geliebten Leichen fand. Als ob sie noch im Tode sich haßten, lagen sie am Boden mit weggewandtem Antlitze, zwischen ihnen stand eine Fichte, an deren Wurzeln sich die Schwerter kreuzten. Die Bruderfichte steht noch heute im Wald, in ihrem Wipfel singt kein Vogel und an ihrem Fuße gibt es kein Moos. Die Ritter wurden in der nahen Kapelle zu Reusa begraben. Das Fräulein aber ging zurück auf die Dobenau. Sie lebte dort wie eine Nonne in weißen Kleidern, von Wohltun, Reue und Gebet und mit stets verweinten Augen. Bis dass der Tod auch ihre Tränen stillte., Nächtliche Wanderer wollen sie später durch das Thal bis nach Reusa hinauf haben wandeln sehen. Armen Kindern soll sie dabei häufig ein paar goldene Semmeln geschenkt, junge Leute, die sich im Thale ein Stelldichein geben wollten, durch Zeichen zusammengeführt haben, alte Leute behaupten sogar, daß sie in den unterirdischen Gängen der Dobenau noch reiche Schätze bewache.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 142-143
Der Lindwurm bei Syrau
Vor vielen hundert Jahren hauste ein scheußliches Ungeheuer im Walde bei Syrau, das hatte einen Leib wie eine Schlange, mit starken Schildern bepanzert, und wenn es mit seinen Drachenflügeln den Leib schlug, machte es ein Getöse wie zehn Mahlgänge. Den ganzen Tag lag es im Walde und wen es sah, den zermalmte es mit seinen fürchterlichen Zähnen und briet ihn an dem Höllenfeuer, das aus seinem Rachen fuhr. Weder Mensch noch Thier war vor ihm sicher. Da aber die Bauern es nicht zu bezwingen vermochten, schlossen sie einen gütlichen Vergleich mit ihm ab: er solle alle Wanderer, welche diese Straße zögen, auffressen, die Syrauer aber ungeschoren lassen. Das ward ruchbar im ganzen Land und Niemand betrat mehr die gefürchtete Straße. Hunger aber thut weh, dem Thiere wie dem Menschen, und so wagte sich das Ungeheuer wieder an die sich ängstigenden Syrauer. Alltäglich hofften diese unter Flehen und Beten auf die Ankunft des tapfern Ritters St. Georg, der den Lindwurm tödten sollte, allein es zeigte sich keine Spur von dem Heiligen, so viel sie auch Messen lesen ließen. So mußten sie sich denn einstweilen drein ergeben und jeden Tag dem fürchterlichen Ungeheuer einen Menschen vorwerfen. Der kranke Gürge opferte sich freiwillig dem Tode. Da aber dieses weiter Keiner nach ihm thun wollte, so mußten die Bauern durch’s Loos bestimmen, wer der nächste Unglückliche sein solle. Schon waren Einige diesem grausamen Schicksale verfallen, als auch die schöne Elsbeth, die Tochter des größten Bauern, das entsetzliche Loos treffen sollte; schon am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang sollte sie dem Drachen vorgeworfen werden. Als man ihr dies ansagte, ward sie todtenbleich, denn sie hatte den schmucken Hans in ihr Herz eingeschlossen und wurde von diesem auf’s Zärtlichste wieder geliebt. Hans sagte kein Wort, ging fort, nahm eine Heugabel, schliff und pfiff bis tief in die Nacht hinein. Und als nach dem dritten Hahnenschrei das Mägdlein herausgeführt ward und Alles weinte, denn die Elsbeth war so gut, da kam ihnen ein Mann entgegen, der eine lange Gestalt hinter sich herzog, die Heugabel auf der Schulter tragend. Ein Freudenschrei durchbebte bei diesem Anblick die kühle Morgenluft, da man den Hans erkannte, der den Drachen im Schlafe erwürgt hatte. Elsbeth war die glücklichste Braut unter der Sonne, und die Syrauer baueten zum Gedächtniß dieser That eine Kapelle „unserer lieben Frauen.“
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 160
Sage von einem weißen Vogel (Vogtland)
Es war einmal in einem Wald im Voigtland ein weißer Vogel, nach dem schon viele Jäger vergeblich geschossen hatten; keiner traf ihn. Die Bauern aber glaubten, der weiße Vogel bedeute Unglück, denn er hatte fast eine menschliche Stimme und lachte alle Jäger aus und verspottete alle Vorübergehenden. Einstmals ging auch ein Jäger in den Wald und mit einem Eifer ohne Gleichen verfolgte er den weißen Vogel, indem er wohl hundertmal nach ihm schoß. Der weiße Vogel aber flog von Baum zu Baum und rief spottend herunter, daß es weithin schallte:
Es hat noch lange keine Noth,
Du hast vergebens mich bedroht,
Laufe Dich nur nicht so gar sehr roth,
Geh heim, es wartet Dein der Tod.
Unmuthig kehrt der Jäger dem Walde den Rücken, ging in’s Dorf zurück, legte sich auf’s Bette und starb.
Nach einigen Jahren kam über die Gegend eine verheerende Krankheit, die raffte so viele Leute weg, daß Niemand mehr daran dachte, in den Wald zu gehen und den weißen Vogel zu fangen. Traurig flog dieser hin und her, bis er sich einmal bei einem Gewitter in den Kirchhof verirrte. Der Regen hatte sich verlaufen und es ragte aus einem Grabe ein Schädel hervor, der war voll Wasser, da flog der weiße Vogel hin, um daraus zu trinken. Das Erdreich aber war sehr locker, der Schädel fiel herab und bedeckte den weißen Vogel. Diesem war es unter dem finstern Dache gar unheimlich zu Muthe und in wenigen Tagen starb er. Zuvor aber, ehe er starb, sang er folgende Worte, die der Todtengräber hörte, ohne sich dieselben genügend deuten zu können:
Da Du lebtest, lebt auch ich,
Du wolltest mich haben, bekamst mich nicht,
Nun bist Du todt, nun hast Du mich,
Doch ich muß sterben, was nützt es Dich? –
Die Worte bezogen sich aber auf den Schädel des Jägers, denn der lag hier begraben.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 78-79
Der gespenstige Leichenzug am Sylvesterabend zu Schöneck
An einem Sylvesterabend des vorigen Jahrhunderts saß ein alter Schneider zu Schöneck, der gleichzeitig Stadtrath und Gemeindeältester daselbst war, noch spät auf und schneiderte für den kommenden Festtag. Seine betagte Ehehälfte leistete ihm Gesellschaft und half ihm bei der Arbeit. Siehe da suchten beide vergeblich nach dem Kameelgarn zu den Knopflöchern. Es war alle geworden und gleichwohl ward es nöthig gebraucht, der in Arbeit befindliche Rock mußte fertig gemacht werden. Es blieb also nichts übrig, als daß der Alte auf den Boden hinauf wußte, um aus der daselbst in einer Kammer befindlichen Niederlage neuen Vorrath herbeizuholen. Es war eine wunderschöne klare Winternacht, er trat also an die Dachlucke, schaute heraus und dabei wurde ihm so fromm und feierlich zu Muthe, daß er sein Käppchen abnahm und ein Vaterunser betete. Wenn man aber in der Neujahrsnacht unter einem Balken steht, dessen eines Ende nach Morgen gerichtet ist und ein Vaterunser betet und dabei nicht aus der Linie des Balkens heraustritt, da kann man „horchen“, d. h. einen Blick in die Zukunft thun, die in einzelnen Bildern vorüberzieht. Tritt man aber aus dem Kreise heraus oder erzählt man Jemandem, was man gesehen hat, so soll es einem den Hals umdrehen. Der Alte hatte gar nicht daran gedacht, aber auf einmal fängt es an zu läuten, als ob eine Leiche wäre, und den Mühlberg herauf kömmt ein langer, langer Leichenzug immer näher und näher, bis er vor dem Hause des Schneiders still hält. Es dauert auch nicht lange, so kömmt die Schule und die Geistlichkeit mit dem Kreuze voran, stellen sich neben der Bahre auf, singen zwei Lieder und eine Arie und dann setzt sich der Zug nach dem Kirchhofe zu in Bewegung. Der Alte kann die Leichenbegleiter alle erkennen, Vettern, Nachbarn, Gevattern, ja sogar sich selbst und seine Ehehälfte darunter, sich selbst dicht hinter dem Sarge und mit weinenden Augen. Da wurde ihm doch ein wenig bange, und er wäre gern fortgegangen, er dachte aber an das Halsumdrehen. Wie er nun so trübselig dastand und träumerisch hinausblickte, sah er aus einem Hause ein Flämmchen herausfahren, dann aus einem andern, dann wieder eins und wieder eins und zuletzt kam fast aus jedem Hause ein Flämmchen gefahren, und das wußte er wohl, bedeutete Feuer. Da konnte er sich nicht mehr halten, sprang aus dem Kreise und siehe es schlug Eins. Als er indeß wieder herunterkam, fand er seine Frau eingeschlafen, er weckte sie auch nicht, sondern legte sich ebenfalls nieder, ohne in die Mette zu gehen, und blieb viele Tage verstimmt. Als er aber einige Tage darauf den Wächter traf, that dieser sehr geheimnißvoll, und redete von einem schlimmen Jahr, das da kommen werde u. s. w. und da wußte er, daß derselbe auch gehorcht hatte. Es dauerte aber kaum einige Wochen, da starb des alten Schneiders Bruder, der Müller in der Bockmühle. Es wurde zur Leiche geläutet, der Zug kam den Mühlberg herauf, hielt vor des Schneiders Hause still, die Schule und die Geistlichkeit voran, und sie sangen dieselben zwei Lieder und die Arie, wie er damals gehört, und dieselben Leute, die er damals gesehen, gingen hinter dem Sarge her. Der alte Wächter aber stand an der Kirchhofsmauer, sah den Schneider bedeutungsvoll an und weinte bitterlich, so daß die Leute nicht begreifen konnten, wie ihn der Leichenzug so alterirte, der ihn doch nichts anging. Der hatte aber seinen guten Grund dazu, denn in demselben Jahre noch brannte fast die ganze Stadt ab und des alten Schneiders Haus auch.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 107-108
Die Entstehung von Schöneck
Das zum Amte Voigtsberg gehörige Städtchen Schöneck, der höchst gelegene Ort des Voigtlands, soll seinen Namen folgender Ursache verdanken. Einst soll der kaiserliche Landvoigt Heinrich Reuß (der Reiche um 1140-50?) auf der Jagd von seinem Gefolge getrennt worden und auf ein Bärenlager gestoßen sein. Die für ihre Jungen besorgte Bärin sprang auf sein Roß los, dasselbe stürzte von ihrem wüthenden Angriff zu Boden, und es würde um den Landvoigt geschehen gewesen sein, da sein Schwert beim Sturze zerbrach, wäre nicht ein junger Köhler auf sein Hilferufen herbeigeeilt und hätte das wüthende Thier von hinten mit seinem Schürbaum erschlagen. Der Voigt erlaubte nun seinem Retter, sich eine Gnade auszubitten, und derselbe gestand ihm, er habe eine Geliebte, die er aber nicht heirathen könne, weil er zu arm sei, er bitte nur um einen Platz, wo er sich ein Häuschen bauen könne und um Holz dazu. Da lachte der Reuß und sagte ihm, er möge in seinem Lande sich aussuchen, welchen Platz er wolle, wo er sich ein Haus bauen möge, Holz möge er aus dem nächsten Walde nehmen und Steine brechen, so viele er brauche, und so ihn Jemand nach seinem Rechte fragen werde, dem solle er diesen seinen Ring und sein zerbrochenes Schwert, welches er ihm einhändigte, vorzeigen. Darauf zog der Köhler lange mit seinem Liebchen im Voigtlande herum und nirgends wollte denselben ein Ort passend scheinen, endlich kamen sie auf einen hohen Berg voll Wald und üppigen Graswuchs, da rief sie: „das ist ein gar schön Eckchen, da kann man weit aus schauen, da wollen wir bauen!“ Und so geschah es auch, der Köhler baute sich ein Häuschen und brannte einen Meiler an, und nach und nach zogen auch andere Leute dahin und baueten sich um das Häuschen herum an, und so entstand nach und nach ein Flecken, den hieß man zum Andenken Schöneck.
Quelle: Das Fegeweib vom Katzenstein. Frauen in der sächsischen Sage. S. 68/69
Die Klagemutter, die Schretzelein, die Druden und die Feuermänner bei der Stadt Hof
In der Nähe der Stadt Hof wohnten die Klagemütter. Es sind diese alten Weiber, die an düstern Plätzen wohnen, sich aber Niemanden zu nahe kommen lassen, ihre Farbe ist schwarz und ihre Beschäftigung besteht in Wehklagen und Heulen.
In der Stadt Hof selbst wohnen die Schretzelein oder Schretel, namentlich in den Ställen, wo sie in Gestalt kleiner hurtiger Thiere Unfug treiben. Hören und sehen sie, daß das Gesinde das Rindvieh schlecht behandelt, flucht und schimpft, dann sind sie oben auf, verderben das Futter und machen das Vieh unruhig, so daß es nicht gedeiht.
In derselben Gegend treiben auch die Druden ihr Unwesen. Es sind diese eine Art Hexen, welche sich bei Nacht in die Schlafkammern schleichen, sich diejenigen Schläfer, welche auf den Rücken liegen, aussuchen, sich auf die Brust derselben setzen und sie so stark drücken, daß sie sich weder rühren noch um Hilfe rufen können. Dieselben tauschen auch, wenn sie in ein Haus kommen, wo eine Wöchnerin liegt, sobald diese schläft und allein ist, was man deshalb im ganzen Voigtlande auch überall ängstlich vermeidet, die wohlgebildeten Kinder gegen ihre eigenen ungestalteten, die sogenannten Wechselbälge, um.
In derselben Gegend lassen sich auch bei Nacht im Freien an sumpfigen öden Stellen feurige Männer sehen, welche die Wanderer vom rechten Wege abzulenken suchen.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit
Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 478-480
Sage von der weißen Frau zu Stein (Pirk)
Am Elsterufer stehen heute noch die Trümmer der im Hussitenkriege zerstörten Burg Stein. Diese vertheidigte damals die Burgfrau bis zum Aeussersten, erlag aber der Uebermacht und kam mit allen ihren Leuten um. Ihr Geist kam aber nicht zur Ruhe, sondern einem dahingleitenden Lichte gleich, weshalb der Volksmann sie Laterne nennt, geht sie um Mitternacht ihren unheimlichen Weg. Sie thut Niemandem etwas zu Leide, weicht vielmehr jedem Nahekommenden mit kecken Sprüngen aus. Scheu vor ihr Flüchtenden folgt sie dagegen und geht an dem Stillstehenden mit einem eigenthümlichen Geräusche, welches dem Rauschen eines seidenen Kleides gleicht, vorüber.
Quelle: Herbert Feustel, Sagen aus dem Voigtland. S. 25
Die Tränen der kleinen Nixen (Schneckenstein)
Der Sage nach hauste hier im Dunkelwald am Schneckenstein einst ein mächtiger und böser Riese. Voller Bitterkeit und Groll zerstörte er alles, was ihm im Weg war. Felsblöcke ergriff er zornig und warf sie durch den tiefen Wald. In einem Bächlein am Schneckenstein erblickte er eines Tages im kristallklaren Wasser viele liebliche Nixen. Ausgelassen und fröhlich spielten und tanzten sie im kühlen Nass. Wutentbrannt grub der Riese dem kleinen Rinnsal das Wasser ab, um dem Treiben der Wasserfrauen den Garaus zu machen. Als nichts mehr zu sehen und zu hören war, verließ er mit Genugtuung diesen Ort. Die Nixen jedoch konnten sich in ein mit Wasser gefülltes Bergloch retten. Ein paar Tage später erhielten die kleinen Wesen Besuch von ihren Freundinnen aus der Zwickauer Mulde. Auf dem grünen Rasen beim Schneckenstein wurde zur Begrüßung ein Fest gefeiert. Unbekümmert sangen, tanzten und lachten die Nixen. Der grimmige Riese vernahm die Fröhlichkeit der Wasserfrauen und voller Abscheu beobachtete er das Treiben. Da beschloss er, die Nixen für immer los zu werden. Als die Nixen schliefen, sprang er zum Felsen und mit einem furchtbaren Getöse erzitterte die Erde. Wütend riss er den Felsen auf und die armen Nixen fielen tief in den Berg hinein. Dann drückte er den aufgerissenen Spalt wieder zu. Seitdem hält der Berg die Nixen gefangen. Noch heute hört man das Klagen der Wasserfrauen und die Tränen der einst so fröhlichen Nixen verwandeln sich in wunderschöne Edelsteine. Als Topase schmücken die glitzernden Tränen seither den Schneckenstein. Nur wenn sich alle Menschen der Erde wie Brüder und Schwestern begegnen, werden die Nixen befreit.
Quelle: Pfaffl, F.A. (1980): Die steingewordenen Nixen - Topas vom Schneckenstein. Min.-Mag., Jg.4, H.10, S.459-61.
Ein großes Irrlicht bei Schleiz
Eine eigentümliche Lichterscheinung wurde bei Schleiz, am Fußwege nach Löhma, beobachtet. Es war ein großes helles Licht, welches jedoch nicht an derselben Stelle blieb, sondern sich mitunter nach den Wehrteichen zu bewegte und von da über den Wiesengrund auf der entgegengesetzten Seite bis in die Nähe des Heinrichsbusches ging und von da wieder zurück nach der Löhmaer Höhe, jedoch nicht immer in derselben Bahn, sondern in größeren und kleineren Abweichungen von derselben. Manche wollten gesehen haben, wie es ganz in ihrer Nähe schnell vorüberflog; andere behaupteten sogar, es sei gerade auf sie zugekommen und blitzschnell ihnen zwischen den Beinen durchgeflogen. Der Direktor Göll in Schleiz beobachtete es als Schüler und fand es sehr groß; es schien ihm bei 40 bis 50 Schritt Entfernung, als sähe er ein 6/4 Ellen langes Scheit Holz in seiner ganzen Ausdehnung brennen, am hellsten jedoch an beiden Enden; dabei bewegte es sich in „ungeheurer Schnelligkeit“ und er hörte ein eigentümliches Knacken und sah zugleich ein Funkensprühen.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 48
Das Geldgewölbe (Treuen)
In der Nähe von Treuen im Voigtlande steht auf einem ziemlich steilen Felsen ein Schloß, das schon ziemlich alt ist. Hier sollen die Hussiten vorübergezogen sein und eine ungeheuere Masse von Geld, erbeuteten Schmucksachen und Metallen in einem verborgenen Gewölbe des Felsens vergraben haben. Wolle aber Jemand den Schatz heben, und er fände zufällig den Eingang zum Gewölbe, und trete nun in dasselbe mit einem brennenden Lichte ein, so würde ein eiserner Wächter das Licht auslöschen. Die einzige Rettung wäre eilige Flucht, denn sonst müßte der Abenteuerer in dem dunkeln Raume elend verschmachten.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 96/97. Mitgeteilt vom Mädchenlehrer Sammler in Oelsnitz.
Sage vom hohen Stein bei Erlbach
Auf dem hohen Stein stand in den Zeiten der Markomannen ein Fürstenschloß, zu dessen Füßen ein See war. Theudolinde, die Tochter des Besitzers, sollte an einen andern Fürsten verheirathet werden. Sie liebte aber einen Sänger und hatte mit diesem eine Zusammenkunft, wobei sie belauscht wurden. Der Vater durchbohrte sie mit seinem Schwerte und schleuderte ihren Leichnam in den See hinab, der Sänger stellte sich der andringenden Schaar mit seiner Harfe und seiner Wehr entgegen, bis er, auf den letzten Felsvorsprung zurückgedrängt, sich in den See stürzte. Den Leichnam der Geliebten umschlingend, sprach er einen furchtbaren Fluch über den grausamen Vater aus, und als er mit der Geliebten untersank, stürzte das Schloß und der Tempel zusammen, und der See erstarrte zu Stein. Die Trümmer des Schlosses meint man noch heute zu sehen.
Quelle: Grässe. Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 103–104. Mitgetheilt von Julius Schanz
Verschiedene Irrlichter im sächsischen Vogtlande
Im Vogtland ist der Seelenglaube von Irrlichtern allgemein verbreitet. Besonders in der Nähe von Plauen wurden solche oft gesehen. So hüpft auf einer Anhöhe nördlich von Kloschwitz ein Irrlicht umher, das angeblich die Seele eines Selbstmörders ist; nach anderen ziehen ihrer eine ganze Menge von einer Sumpfstelle aus zum Gottesacker und auf jene Höhe. Irreführende Lichter zeigen sich auch im Essiggrund und Lausepöhl verrufenen Orten bei Rößnitz. Die Seelen Erhängten irrlichten im Mechelgrüner Grund und im Kupfergrund daneben. Hin und her flackernde und schwebende Lichtchen, die rasch wieder verlöschen, zeigen sich auch am Einfluss des Floßgrabens in die Göltzsch (zwischen Falkenstein und Hammerbrück).
Quelle: Alfred Meiche, Sagenbuch des Königreichs Sachsen, S. 273-274
Mitgeteilt von Robert Eisel, Gera
Der Schatz bei Schilbach
An das Bett einer Magd, die in Schilbach bei Schöneck diente, kam mehrere Nächte hindurch ein graues Männchen und forderte sie auf mitzugehen. Dabei sagte das Männchen, dass sie es erlösen und dabei selbst reich werden könne. Da sie sich jedoch fürchtete, bat sie erst den Pfarrer von Schöneck um Rat. Weil der Rat bejahend ausfiel, ging die Magd mit, als das Männchen wieder erschien. Sie wurde bei hellem Lichtschein in den Wald „Streugrün“ bei Schilbach an einen gewissen Ort geführt. Daselbst war es auch ganz hell, wie am Tage. Viel Geld lag da. Viele Musikanten standen um das Geld herum und spielten. Das graue Männchen gab der Magd zu verstehen, sich von dem Geld zu nehmen, so viel sie wolle. Die Magd mochte dies aber in Gegenwart der vielen Musikanten nicht tun. Das Männchen forderte sie dreimal hintereinander zum Zugreifen auf. Da sie ihm aber kein Gehör schenkte, so verschwand auf einmal alles. Es wurde stockfinster, und die Magd bekam kein Geld. Mühsam und angstvoll musste sie sich nach Hause begeben.
Das graue Männchen war nicht erlöst worden, weil die Magd kein Geld eingerafft hatte. Es hat sich aber seitdem auch nicht wieder sehen lassen.
Quelle: Das Fegeweib vom Katzenstein. Frauen in der sächsischen Sage. S. 21
Moosmann-Sage vom "Schwarzen Stein" (Grünbach)
Die Frau des Moosmännleins war zum Sterben krank geworden. Sie lag auf einem Bett von Leuchtmoos, stöhnte und wimmerte, während das Moosmännlein sein Herzeleid den Tieren des Waldes klagte.
Als ein Bettelmönch durch den Wald kam, hielt ihn das Moosmännlein an, klagte ihm sein Leid und bat ihn ganz herzlich, er möge doch seinem sterbenden Weiblein den erwünschten letzten Segen erteilen. Zum Lohn wolle er ihm auch seinen ganzen Mantelsack voll Laub füllen.
Der Mönch wusste zwar von dem Gerede der Menschen, die sich erzählten, dass die Moosleute für erwiesene Liebe aus Dankbarkeit Laub verschenkten, das sich zu Hause in Gold verwandelte, glaubte aber in seinem Stolz nicht daran und fuhr das Männlein hart an, während er dem sterbenden Weiblein den letzten Segen verweigerte.
Ergrimmt über so viel Unbarmherzigkeit und Unmenschlichkeit sagte das Männlein: "Hart wie ein Stein ist dein Herz, Mönch, so sollst du ganz zu Stein werden und bis in alle Ewigkeit hier an der Stelle stehen bleiben. Allen zur Mahnung, die ebenso hartherzig zu anderen Menschen sind."
Das Moosweiblein starb. Und zwischen Falkenstein und Grünbach steht heute noch der versteinerte Mönch, der "Schwarze Stein". Sein Gesicht ist noch zu erkennen und mit etwas Glück findet man dort auch heute Leuchtmoos.
Quelle: Lucas Preßler. Sagenwelt Vogtland Mooswesen. Eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Moosmann und Moosfrau. S. 92
Die Entdeckung der Topase auf dem Schneckenstein
Eine Stunde von Tannenbergsthal über Auerbach im Vogtland liegt im Wald der Topasfelsen Schneckenstein, der diesen Namen von den vielen Schnecken erhalten haben soll, die sich an seinem hie und da feuchten Fuß aufzuhalten pflegten. Es wird erzählt, dass er erst durch einen Tuchmacher aus Auerbach – namens Kraut – seit 1727 allgemein bekannt und seitdem auch fleißig benutzt worden sei. Jener Kraut soll ein eigenartiger, seltsamer Mensch und ein etwas lockerer Mann gewesen sein, der nicht im besten Ruf gestanden habe. Er soll durch Holzbauer oder Kohlenbrenner auf den harten und schimmernden Stein aufmerksam geworden sein und daraufhin heimlich Topase gebrochen haben, die er schleifen ließ und für hohe Preise unter dem Namen von Schneckensteinen oder Königskronen ins Ausland schaffte. Als er merkte, dass man seinem Schleichhandel auf der Spur kam, machte er seine Entdeckung dem Kurfürsten August III. von Sachsen bekannt, der den Felsen dem Grundeigentümer abkaufte und später einer Gewerkschaft überließ.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 165
Sage vom Feuersegen in Schönberg
In Schönberg soll einst eine alte Vagabundin im Sterben gelegen haben. Der Richter des Orts verweigerte ihr aber vor ihrem Sterbebette ein christliches Begräbniß in geweihter Erde, als der Herr des Dorfes dazu kam und ihr es zusagte. Zum Dank dafür benachrichtigte sie ihn von einem ihm theuern Kinde, dem er einst das Leben gerettet hatte, und sprach über das Dorf den Feuersegen, worauf sie verschied.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. Sagen. S. 552
Vom Drachen bei Reichenbach
Der Drache, den gewisse Familien haben, kann auch einem Kinde, beispielsweise einer Tochter, wenn sie heiratet, mitgegeben werden. So geschah einmal, als das Mädchen einer solchen Familie heiraten sollte, folgendes: Als der Kammerwagen vor der Türe stand, hörte man jemand im Stall weinen: es war die Mutter, welche sagte: „Nimm ihn nur, ich bin zu alt und es wird doch mein Tod, wenn ich ihn behalte!“ Da sprach die Tochter endlich: „Nun, da will ich ihn nehmen!“ Bald darauf gab es einen starken Knall, und aus der Esse fuhr es wie ein starker Besen heraus und in das Bräutigams Haus zur Esse hinein.
Quelle: Das Fegeweib vom Katzenstein. Frauen in der sächsischen Sage. S. 151
Der feurige Mann bei Arnshaugk
In der Gegend von Arnshaugk und Moderwitz ist ehemals lange Zeit ein feuriger Mann umgegangen. Er that aber niemand etwas zuleide, sondern ging ruhig seinen Weg von dem Dorfe Burgwitz an, durch Arnshaugk hindurch bis zum Silberberge bei Moderwitz. Dort blieb er einige Zeit stehen und verschwand dann. Manche erzählen auch, er habe gar keinen Kopf gehabt. Einst kam eine arme Frau mit ihrem Schubkarren aus der Neustädter Mühle und wollte ihr Mehl nach Moderwitz schaffen. Bei Arnshaugk wurde sie von dunkler Nacht überfallen. Da erschien plötzlich der feurige Mann, ging vor ihr her und leuchtete ihr bis zum Silberberge. „Habe Dank, lieber feuriger Mann“, sagte die Frau. Da verschwand der Feuermann und ist seitdem nicht wieder gesehen worden. Das Wort des Dankes hatte ihn von seinem Umgange erlöst.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 499
Die feurigen Männer bei Hof
Wieder andere erzählen davon, wie sich in der Gegend von Hof die Feurigen Männer bei Nacht im Freien an sumpfigen öden Plätzen sehen ließen, um die Leute vom rechten Wege abzuführen.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 49
Der Feuergeist im Wilzenthale
Beim Dörfchen Rauschengesees liegt das Wilzenthal, in dem der räuberische Stamm der Wilzen von den Urbewohnern der Gegend fast vernichtet wurde. Es neckt und schreckt, so wie es dunkel wird, jeden Menschen, der dem Tale zu nahe kommt. Dem Einen sind feurige Zwerge erschienen, einem Anderen hat es hässliche Fratzengesichter geschnitten und noch Anderen ist wieder Anderes begegnet. Wo man nach Burg-Lemnitz geht, liegt ein Hügel, die Hermeshöhe. Von Alters ist alle Abende, oder wohl auch um Mitternacht ein feuriger Riese mit entsetzlichem Geprassel aus dem Hügel aufgestiegen, eine helllodernde Fackel in der Hand, die er wild über seinen Kopf geschwungen hat. So ist er von der Hermeshöhe herabgekommen, hat das ganze Wilzenthal durchschritten bis hinunter in die Prothendälle, wo er in der schönen Quelle, die aus dem Hügel dort hervorquillt, seine Fackel ausgelöscht hat und verschwunden ist.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 49
Wie Holzweibchen einen Hirtenknaben mit Gold beschenken
Ein Junge hütete Kühe auf dem Felde. Als er frühstückte, kamen zwei Holzweibchen zu ihm und begehrten ein Stück Brot.
Und da der Knabe ihnen ein Stück geben wollte, fragten sie ihn, ob in dem Brote Kümmel enthalten sei. Der Gefragte bejahete es, und die Holzweibchen sagten darauf, er solle, wenn er nach Hause komme, seine Mutter bitten, dass dieselbe für sie ein Brot ohne Kümmel backen möge. So geschah es auch die Mutter buk ein Brot ohne Kümmel, und als der Knabe mit den Kühen wieder auf die Weide zog, nahm er das Brot, legte es auf einen Stein und ließ es dort liegen. Am folgenden Tage fand er es noch auf demselben Platze, und da er meinte, die Holzweibchen hätten desselben nicht mehr begehrt, nahm er es mit nach Hause. Als aber später das Brot von der Mutter aufgeschnitten wurde, war dasselbe voll eitel Gold.
Quelle: Köhler, Johann August Ernst: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andre alte Überlieferungen im Voigtland mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes. S. 456/457
Von Irrlichtern im Vogtland (Grüna)
Die Rüdersdorfer sahen oftmals, wie Irrlichter immer zu mehreren aus der Grüne, d.h. aus dem Grunde beim Dorfe Grüna heraufkamen und immer eins hinte dem anderen über den Dürrenberg hinwegzogen, bis sie zusammen jenseits des Berges im Scherlisgraben ein mächtiges Feuer zusammen ausmachten, von dem der Himmel zu erglühen und ganz in Flammen zu stehen schien. Ebenso rasch hüpften sie dann wieder auseinander und verschwanden. Auch aus den alten Schachteln oberhalb Köstritz ziehen sie, über den Bach setzend, herauf in den Scherlisgraben, nach dem Dürrenberge und zur Teufelsbrücke.
Quelle: Robert Eisel. Sagenbuch des Voigtlandes, S. 151
Die Laterne bei Steinpöhl (Oberlosa)
Vom Steinpöhl an der alten Straße bei Oberlosa nach Oelsnitz zu begleitete ein Licht die Leute bis ans Dorf, verließ sie aber da, ging durch Sumpfwiesen unterhalb des Dorfes wieder zurück an die Straße in der Richtung nach Plauen bis zum Kemmler Höhe und verschwand bei einem uralten Steinkreuz, das bis 1860, wo es zerschlagen wurde, rechts im Felde stand. Es heißt, das Licht sei ein großer Stiefel, der oben am Schaft eine kleine Laterne trage; nach andern sollte es ein starker Stock mit Laterne sein; sogar eine Hand an der Laterne wollen welche gesehen haben, keiner aber jemals die ganze Gestalt.
Quelle: Alfred Meiche, Sagenbuch des Königreichs Sachsen, S. 273
Wie die Oelsnitzer Sperken zu ihrem Namen kamen
Ein seltsamer Kerl ließ sich eines Tages in Oelsnitz nieder. Er war lang, hager und mit fader Gesichtsfarbe. Auch verstand er sich auf allerlei Heilmittel und hatte hellseherische Fähigkeiten. Danach ging es in Oelsnitz immer wunderlicher zu. Schließlich vermuteten die Bürger, dass der Fremde ein Zauberer sei. Der Rat ließ ihn verhaften. Bei der Verhandlung wies man ihm die Zauberei nach und der Feuertod war ihm gewiss. Die Nachricht von der Festnahme und Verurteilung des Mannes drang bis nach Bayern, Böhmen und natürlich auch in die Nachbarstadt Plauen. Überall hatte er schon sein Unwesen getrieben und so war der Andrang zum Hinrichtungstag groß. Schnell hatten die Henker den Fremden auf den Scheiterhaufen gebracht und am Pfahl festgebunden. Doch das Entzünden des Feuers bereitete Probleme. Wo das Feuer entfacht wurde, verlosch es auch wieder. Nun sollte der Verurteilte an den Galgen. Unter Geschrei und Verwünschungen der Schaulustigen stieg er die Leiter empor. Oben drehte er sich um und blickte die Umstehenden düster an. Diese, ganz still vor Angst, wagten nicht sich zu rühren. "Auf einmal so still, ihr Spatzen" fragte er, schleuderte seinen Hut in die Menge und schon waren alle Oelsnitzer Bürger in Spatzen verwandelt. In Richtung der angereisten Plauener stieß er einen schrillen Ruf aus. Die Menschen verschwanden und stattdessen wehte ein böiger Wind, der mit voller Kraft in die Spatzen brauste. Bald lagen die ersten tot auf dem Boden. Die Verantwortlichen der Stadt baten den Fremden, den Zauber wieder aufzuheben; sie würden ihm dafür das Leben schenken. Doch er lachte nur und löste sich in Luft auf. Eine Weile herrschte auf dem Oelsnitzer Galgenberg das totale Chaos. Der Plauener Wind fegte zwischen kopflosen, händeringenden Richtern und kreischenden Oelsnitzer Spatzen. Dann setzte sich ein Rabe krächzend auf die obere Leitersprosse. Als Ruhe eingekehrt war, krächzte dieser: "Spatzen und Wind, ward´s und seid´s bis Kindeskind". Der Spuk war aufgehoben, der Rabe flog davon. Doch die Begebenheit wirkt bis heute im Spruch von den Oelsnitzer Sperken nach ...
(frei nach Karl Völkel, Mundartautor)
Die Sage von der Wattefrau (Zwota)
Einst lebte in Zwota eine Frau, die Kräuter-Hanne genannt wurde. Sie ernährte sich durch den Verkauf von Pilzen, Beeren und Heilkräutern, die sie fleißig eintrug. Für jede Krankheit wusste sie einen Rat oder ein Kräuterlein. Daher der Name „Kräuterhanne“. Die Kräuterhanne war eine gütige Frau, die in ihrer Selbstlosigkeit das letzte Stück Brot, den letzten Löffel Hirse mit ungeheuchelter Freundlichkeit und Liebe hingab. Von den Kindern der Umgegend wurde sie als gute Fee betrachtet. Wo sie auftauchte, jubelten die Kleinen und Großen: „Die Mutter Kräuterhanne kommt!“
Es war am an einem der letzten Tage vor dem lieben Weihnachtsfest. Die Äste der mächtigen Tannen bogen sich unter der Schneelast. Die Kräuterhanne trat aus ihrem Häuslein. Sie war zum Ausgehen gerüstet und sah aus wie der Weihnachtsmann. An den Füßen hatte sie plumpe Stiefel von Bärenfell. Der Kopf war in eine Wollhaube gepackt, aus der nur Nase und Äuglein hervorlugten. Der übrige Körper stak in einem dicken, warmen Pelz. Auf dem Rücken trug sie einen Rucksack. Nachdem sie den Verbindungsweg, der von Eger über Graslitz nach Plauen führte, erreicht hatte, ging sie tapfer voraus, dabei jeden Schritt mit einem derben Eichenstock nachhelfend. Im Glasbachgrund hielte sie zur Andacht an. Dort stand ein Holzkreuz zum Gedenken eines Bergknappen, der auf dem Wege von Kottenheide nach der Helle sich verirrte und erfroren aufgefunden wurde.
Bald hatte sie die Hammersiedlung erreicht und schritt stracks auf die nächste Hütte zu. Eine Kleine blickte auf und rief dann jubelnd durch die Haustür: „Die Mutter Kräuterhanne ist da!“ Als die Hanne in die Stube trat, war sie in einem Nu von einer Schar Kinder umringt. „Sogleich will ich meinen Beutel aufmachen und jedem ein kleines Weihnachten bringen!“ Nachdem nun jedes Kind beschenkt war, stellte sie noch ein Töpfchen mit Eingemachtem sowie Fett, Grütze und Mehl auf den rohgezimmerten Eichentisch. „So, das ist für die Mutter. Grüßt sie recht schön von mir. Auch den Vater und wünsch ich frohe Weihnachten!“ „Die Mutter wird bald zurück sein, warte doch solange, sie wird sich freuen“, sagte die Carolina. „Nein, nein“, ein ander Mal, heut bin ich gedrängt, und bei Tag muss ich zurück, weil es dann im Wald doppelt finster ist.“
Von dem Häuschen tippelte sie zu dem des Tobias Lorentzn, einem Holzknecht, bei dem ein Bübchen auf dem Siechbett lag. So huschte die gute Alte von einer Hütte zur anderen, hier Not lindernd, dort helfend, beim Dritten Freude machend.
Sie verließ die letzte Hütte und machte sich auf den Rückweg. Sie hatte es eilig, denn es dämmerte schon. Und das einsetzende Schneetreiben wurde stärker. Die Hanne schritt unverdrossen durch den Neuschnee, der von Minute zu Minute, Zentimeter um Zentimeter aufsetzte. Je mehr das Weiblein Kraft anwendete, desto mehr stellte ihr die Menge des Neuschnees Widerstand entgegen. Der Schnee lag schon kniehoch. Wenn sie nur erst beim Kreuz im Glasbachgrund wäre, dann ist es nicht mehr weit bis zu ihrem Häusel. Nun musste sie da sein. Ja, dort erkannte sie verschwommen das Kreuz. In der Erwartung baldiger Ankunft schritt sie weiter. Plötzlich stand sie vor einem Felsen. „Ja mei“, seufzte sie, „da hab ich den Weg verpasst, jetzt muss ich halt wieder zurück den Fußstapfen nach.“ Inzwischen war es noch finsterer geworden. Die Hanne ging nicht mehr, sie schleppte sich fort. Es überfiel sie eine süße Müdigkeit. Sie beachtet nun weder Spuren noch Richtung. Nur laufen. Bald wird sie im Stübchen sein. Dann wird sie ein lustig Reisigfeuer machen, ein Töpfchen Grütze in Milch kochen, dazu einen Tee von Hagebutten schmausen. Ach, wird das schön sein. Dabei stolperte sie über einen abgebrochenen Ast und fiel in den Schnee. O, lag sich das schön, noch schöner und weicher als auf dem Strohsack, den sie eigentlich einmal frisch stopfen musste. Nur einen Augenblick so liegen bleiben und ein bissel ausruhen, dann wollte sie schon tapfer weitermarschieren.
Als man überall fröhlich Weihnachten feierte, war es im Stübchen der Kräuterhanne finster, kalt und leer. Die ruhte draußen im Wald unter einer hohen Schneedecke. Erst viele Wochen später fand man sie. An der Beerdigung nahmen fast alle Männer, Frauen und Kinder der Umgebung teil. Zum ehrenden Gedenken an das hilfsbereite und gütige Weiblein schnitzte ein Bergmann eine Figur, die die Kräuterhanne darstellen sollte, und die er alljährlich zum Weihnachtsfest aufstellte. Wie das halt ist, machten es andere nach und so hat sich die Wattfraa von einer Generation zur anderen vererbt.
Quelle: Kulturbote für den Musikwinkel : Programmwegweiser: 11: Kulturbote für den Musikwinkel 1964: Heft 12. Aufsatz von Hans Wild „Der Lausbub vom Musikwinkel. Als er die Sage von der Wattfraa erfuhr“ (gekürzt)
(Gekürzt von Uwe Fischer)